Piazzolla kehrte aus Frankreich zurück, um angeregt von Nadia Boulanger auf dem Weg des Tango weiter zu gehen. Er gründete das Octeto Buenos Aires verband damit die Zielsetzungen, die ihm die große französische Pädagogin angezeigt hatte mit den in seinem Blut angelegten musikalischen Genen. Die Formel war explosiv, sie gilt für sein ganzes Werk und bestimmt seine Arbeit ab 1955: Es ist Piazzollas große Revolution. Neue Klang– und Rhythmus-Effekte, Kontrapunkte zwischen den Streichern, eine Geige, die wie eine Trommel klingt, Cello und Bass wirken als Pauken; all das und dazu der spezifische Klang der hervorragenden Solisten und die aggressive Präsenz einer elektrischen Gitarre, die zu den meisten Stücken improvisiert. Die wenigen Fans, die das Octeto Buenos Aires hatte brüllten vor Vergnügen überall, wo das Ensemble spielte. Sie konnten es jedoch nur kurze Zeit genießen: Das Octeto Buenos Aires wurde nicht einmal anderthalb Jahre alt. Jene hundert Verrückten plus die Radiosendungen plus die wenigen Plattenkäufer waren in der Minderzahl gegenüber einer Mehrheit, die „Nein” sagte. Die Ablehnung war zu erwarten gewesen. Wegen der negativen Haltung, die dem Neuen immer entgegengebracht wird und wegen des Einflusses, den der traditionelle Tango damals in der ganzen Gesellschaft hatte. Außerdem waren die Moderatoren aller Tango-Programme darin verstrickt, die ihre Interessen in Gefahr sahen und einen richtigen Boykott veranstalteten: Sie legten keine Platten des Oktetts auf. Mit wechselnden Ensembles und auf der ganzen Welt stritt Piazolla seit 1955 für seine Musik, seinen Tango. Er arbeitete als Solist, trat mit Kammermusikensembles und mit Jazzmusikern auf, und er hinterläßt ein umfangreiches Oeuvre voller Grenzüberschreitungen, Verschmelzungen und Experimenten, aber immer: Tango. Während Piazolla andernorts zu Ruhm und Ehren kommt und letztendlich auch finanzielle Erfolge mit seiner Musik erzielen kann, droht die Tangokultur in Argentinien einen langsamen Erstickungstod zu sterben. Die, so Piazolla, Invasion des Rock’n Roll marginalisierte den Tango, der bis dahin so dominant war als Element des städtischen Lebens. [Gorin 2001:31] Wo kann man in Buenos Aires Tango hören? Es gibt gerade fünf oder sechs Lokale in San Telmo. Viele Dinge kamen zusammen und leiteten seinen Niedergang ein. Die großen Schöpfer sind verschwunden; dann erfolgte die Invasion des Rock. Dennoch scheint es mir gelogen, wenn einige Pseudokritiker mich ständig beschuldigen, ich hätte den Tango umgebracht. Es ist gerade umgekehrt. Sie sollten mich als einen Retter ansehen. Ich habe ihn einer ästhetischen Operation unterzogen. Ohne Piazzolla gäbe es keinen Rodolfo Mederos, keinen Dino Saluzzi, keinen Daniel Binelli. Ebenso habe ich neue Wege eröffnet, angefangen in Europa. Heute hat er sich überall als eine Mode etabliert. Aber vor 25 Jahren, als ich begann, mit dem Quintett die Welt zu bereisen, war der Tango verschwunden gewesen.14
Ich habe im Tango eine Revolution angezettelt, ich habe mit den alten Formen gebrochen, und dafür haben sie mich angegriffen. Ich musste mich verteidigen und ihnen gelegentlich auch mal was sagen. Diese Anfeindungen stellten mich in ein schlechtes Licht, denn wenn es etwas gibt, das niemand in Abrede stellen kann, ist es meine Herkunft: Der Tango steht mir auf die Stirn geschrieben. Und meine Karriere, darauf bin ich ebenfalls stolz, begann ich ganz von unten.15
Der Tango ist die vor Schönheit strahlende Tochter von Enttäuschung und Verzweiflung, das göttliche Kind der dunklen Kehrseite des Lebens. Er ist aus der Krise geboren und wurde von Huren, Ganoven und Zuhältern getanzt, von ehemaligen Soldaten, die keine Arbeit fanden, vom Gemüsehändler an der Ecke, von der tuberkulösen Näherin aus der Fabrik und von all den Namenlosen, die ihm ihre Liebe gaben, welche an anderer Stelle nicht gewollt war. Kein Elend ist ihm fremd. Doch er hat Haltung, kommt in Lackschuhen und Seidentuch daher, wie ein König, leuchtend wie eine Prinzessin, Er bezahlt wie ein Fürst die Ietzte Runde Und er tut es mit seinen letzten Münzen ungeachtet des Morgens. Und so konnte man überleben.16
Ich habe eine Illusion: dass mein Werk noch im Jahr 2020 gehört wird. Und auch noch 3000. Manchmal bin ich mir sicher, denn die Musik, die ich mache, ist anders. Weil 1955 ein Typ Tango gestorben ist, damit ein anderer geboren wurde, und auf dem Geburtsschein steht mein Octeto de Buenos Aires. Ich werde meinen Platz haben in der Geschichte wie Carlos Gardel. Was nicht heißen soll, dass wir archiviert werden. Gardel lebt weiter, mit mr wird dasselbe geschehen, weil ich nicht mittelmäßig bin. Ich bin ein Tango-Mann, aber meine Musik gibt zu denken. Denen, die den Tango lieben, und denen, die gute Musik mögen.17
LOSPÀJAROSPERDIDOS
Amo los pájaros perdidos
que vuelven desde el más allá,
a confundirse con un cielo
que nunca más podré recuperar.
Vuelven de nuevo los recuerdos,
las horas jóvenes que di,
y desde el mar Ilega un fantasma
hecho de cosas que amé y perdi.
Todo fué un sueno que perdimos, como
perdimos los pájaros y ei mar, un sueno breve
y antiguo como el tiempo
que los espejos no pueden reflejar. después
busqué perderte en tantas otras
y aquella otra y todas eran vos;
por fin logré reconocer cuándo un adios es un adios,
la soledad me devoró y fuimos dos.
Vuelven los pájaros nocturnos
que vuelan ciegos sobre el mar,
la noche entera es un espejo
que me devuelve tu soledad.
Soy sölo un pájaro perdido
que vuelve desde el más allá
a confundirse con un cielo
que nunca más podré recuperar.
DIEVERLORENENVÖGEL
Ich liebe die verlorenen Vögel,
aus fernsten Weiten zurückgekehrt,
um sich in einem Himmel zu verirren,
den ich nie mehr zurückgewinnen werde.
Erneut kehren die Erinnerungen wieder, die
jungen Stunden, die ich gab,
und vom Meer her kommt ein Gespenst,
geschaffen aus Dingen, die ich liebte und verlor.
Es war alles ein Traum, ein Traum, den wir verloren haben,
so wie wir auch das Meer und die Vögel verloren.
Ein kurzer Traum und alt wie die Zeit,
welche die Spiegel nicht spiegeln können.
Dann suchte ich dich in vielen anderen zu verlieren.
Jene anderen und alle waren du;
Endlich lernte ich anzuerkennen, daß ein Abschied ein Abschied ist,
Die Einsamkeit verschlang mich, und wir waren zu zweit
Zurück kehren die nächtlichen Vögel,
die blind über dem Meere fliegen,
die ganze Nacht ist ein Spiegel,
der mir deine Einsamkeit entgegenwirft.
Ich bin nur ein verlorener Vogel,
der aus der Ferne zurückkehrt,
um sich in einem Himmel zu verirren,
den ich nie mehr zurückgewinnen werde.
Musik: Astor Piazzolla – Text: Horacio Ferrer
Auf Youtube gibt es dieses wunderbare Video — Milva singt “Los Pajaros Perdidos”, begleitet von Astor Piazolla:
Astor Piazolla und der Tango
Piazzolla kehrte aus Frankreich zurück, um angeregt von Nadia Boulanger auf dem Weg des Tango weiter zu gehen. Er gründete das Octeto Buenos Aires verband damit die Zielsetzungen, die ihm die große französische Pädagogin angezeigt hatte mit den in seinem Blut angelegten musikalischen Genen. Die Formel war explosiv, sie gilt für sein ganzes Werk und bestimmt seine Arbeit ab 1955: Es ist Piazzollas große Revolution. Neue Klang– und Rhythmus-Effekte, Kontrapunkte zwischen den Streichern, eine Geige, die wie eine Trommel klingt, Cello und Bass wirken als Pauken; all das und dazu der spezifische Klang der hervorragenden Solisten und die aggressive Präsenz einer elektrischen Gitarre, die zu den meisten Stücken improvisiert. Die wenigen Fans, die das Octeto Buenos Aires hatte brüllten vor Vergnügen überall, wo das Ensemble spielte. Sie konnten es jedoch nur kurze Zeit genießen: Das Octeto Buenos Aires wurde nicht einmal anderthalb Jahre alt. Jene hundert Verrückten plus die Radiosendungen plus die wenigen Plattenkäufer waren in der Minderzahl gegenüber einer Mehrheit, die „Nein” sagte. Die Ablehnung war zu erwarten gewesen. Wegen der negativen Haltung, die dem Neuen immer entgegengebracht wird und wegen des Einflusses, den der traditionelle Tango damals in der ganzen Gesellschaft hatte. Außerdem waren die Moderatoren aller Tango-Programme darin verstrickt, die ihre Interessen in Gefahr sahen und einen richtigen Boykott veranstalteten: Sie legten keine Platten des Oktetts auf. Mit wechselnden Ensembles und auf der ganzen Welt stritt Piazolla seit 1955 für seine Musik, seinen Tango. Er arbeitete als Solist, trat mit Kammermusikensembles und mit Jazzmusikern auf, und er hinterläßt ein umfangreiches Oeuvre voller Grenzüberschreitungen, Verschmelzungen und Experimenten, aber immer: Tango. Während Piazolla andernorts zu Ruhm und Ehren kommt und letztendlich auch finanzielle Erfolge mit seiner Musik erzielen kann, droht die Tangokultur in Argentinien einen langsamen Erstickungstod zu sterben. Die, so Piazolla, Invasion des Rock’n Roll marginalisierte den Tango, der bis dahin so dominant war als Element des städtischen Lebens. [Gorin 2001:31] Wo kann man in Buenos Aires Tango hören? Es gibt gerade fünf oder sechs Lokale in San Telmo. Viele Dinge kamen zusammen und leiteten seinen Niedergang ein. Die großen Schöpfer sind verschwunden; dann erfolgte die Invasion des Rock. Dennoch scheint es mir gelogen, wenn einige Pseudokritiker mich ständig beschuldigen, ich hätte den Tango umgebracht. Es ist gerade umgekehrt. Sie sollten mich als einen Retter ansehen. Ich habe ihn einer ästhetischen Operation unterzogen. Ohne Piazzolla gäbe es keinen Rodolfo Mederos, keinen Dino Saluzzi, keinen Daniel Binelli. Ebenso habe ich neue Wege eröffnet, angefangen in Europa. Heute hat er sich überall als eine Mode etabliert. Aber vor 25 Jahren, als ich begann, mit dem Quintett die Welt zu bereisen, war der Tango verschwunden gewesen.14
Ich habe im Tango eine Revolution angezettelt, ich habe mit den alten Formen gebrochen, und dafür haben sie mich angegriffen. Ich musste mich verteidigen und ihnen gelegentlich auch mal was sagen. Diese Anfeindungen stellten mich in ein schlechtes Licht, denn wenn es etwas gibt, das niemand in Abrede stellen kann, ist es meine Herkunft: Der Tango steht mir auf die Stirn geschrieben. Und meine Karriere, darauf bin ich ebenfalls stolz, begann ich ganz von unten.15
Der Tango ist die vor Schönheit strahlende Tochter von Enttäuschung und Verzweiflung, das göttliche Kind der dunklen Kehrseite des Lebens. Er ist aus der Krise geboren und wurde von Huren, Ganoven und Zuhältern getanzt, von ehemaligen Soldaten, die keine Arbeit fanden, vom Gemüsehändler an der Ecke, von der tuberkulösen Näherin aus der Fabrik und von all den Namenlosen, die ihm ihre Liebe gaben, welche an anderer Stelle nicht gewollt war. Kein Elend ist ihm fremd. Doch er hat Haltung, kommt in Lackschuhen und Seidentuch daher, wie ein König, leuchtend wie eine Prinzessin, Er bezahlt wie ein Fürst die Ietzte Runde Und er tut es mit seinen letzten Münzen ungeachtet des Morgens. Und so konnte man überleben.16
Ich habe eine Illusion: dass mein Werk noch im Jahr 2020 gehört wird. Und auch noch 3000. Manchmal bin ich mir sicher, denn die Musik, die ich mache, ist anders. Weil 1955 ein Typ Tango gestorben ist, damit ein anderer geboren wurde, und auf dem Geburtsschein steht mein Octeto de Buenos Aires. Ich werde meinen Platz haben in der Geschichte wie Carlos Gardel. Was nicht heißen soll, dass wir archiviert werden. Gardel lebt weiter, mit mr wird dasselbe geschehen, weil ich nicht mittelmäßig bin. Ich bin ein Tango-Mann, aber meine Musik gibt zu denken. Denen, die den Tango lieben, und denen, die gute Musik mögen.17
LOS PÀJAROS PERDIDOS
Amo los pájaros perdidos
que vuelven desde el más allá,
a confundirse con un cielo
que nunca más podré recuperar.
Vuelven de nuevo los recuerdos,
las horas jóvenes que di,
y desde el mar Ilega un fantasma
hecho de cosas que amé y perdi.
Todo fué un sueno que perdimos, como
perdimos los pájaros y ei mar, un sueno breve
y antiguo como el tiempo
que los espejos no pueden reflejar. después
busqué perderte en tantas otras
y aquella otra y todas eran vos;
por fin logré reconocer cuándo un adios es un adios,
la soledad me devoró y fuimos dos.
Vuelven los pájaros nocturnos
que vuelan ciegos sobre el mar,
la noche entera es un espejo
que me devuelve tu soledad.
Soy sölo un pájaro perdido
que vuelve desde el más allá
a confundirse con un cielo
que nunca más podré recuperar.
DIE VERLORENEN VÖGEL
Ich liebe die verlorenen Vögel,
aus fernsten Weiten zurückgekehrt,
um sich in einem Himmel zu verirren,
den ich nie mehr zurückgewinnen werde.
Erneut kehren die Erinnerungen wieder, die
jungen Stunden, die ich gab,
und vom Meer her kommt ein Gespenst,
geschaffen aus Dingen, die ich liebte und verlor.
Es war alles ein Traum, ein Traum, den wir verloren haben,
so wie wir auch das Meer und die Vögel verloren.
Ein kurzer Traum und alt wie die Zeit,
welche die Spiegel nicht spiegeln können.
Dann suchte ich dich in vielen anderen zu verlieren.
Jene anderen und alle waren du;
Endlich lernte ich anzuerkennen, daß ein Abschied ein Abschied ist,
Die Einsamkeit verschlang mich, und wir waren zu zweit
Zurück kehren die nächtlichen Vögel,
die blind über dem Meere fliegen,
die ganze Nacht ist ein Spiegel,
der mir deine Einsamkeit entgegenwirft.
Ich bin nur ein verlorener Vogel,
der aus der Ferne zurückkehrt,
um sich in einem Himmel zu verirren,
den ich nie mehr zurückgewinnen werde.
Musik: Astor Piazzolla – Text: Horacio Ferrer
Auf Youtube gibt es dieses wunderbare Video — Milva singt “Los Pajaros Perdidos”, begleitet von Astor Piazolla: